Hefehersteller fürchten Engpass

Veröffentlicht am 06.07.21

Die im Anhang IX der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der Europäischen Union (EU) geregelte Vorschrift, welche Rohstoffe künftig für die Herstellung von Bioethanol der zweiten Generation infrage kommen, bereitet Deutschlands Hefeindustrie derzeit große Sorgen. Aktuell steht auch der wichtigste Grundstoff für die Hefeproduktion „Melasse“ auf der Vorab-Liste der nutzbaren Materialen. Dadurch sieht sich die Branche nun von Rohstoffknappheit bedroht. Das wiederum könnte zu Versorgungsengpässen bei Backhefe führen und damit vor allem die Bäckereien treffen, warnt die Industrie. Aber auch andere Branchen nutzen Melasse, allen voran die Hersteller von Tierfutter.

Melasse besteht etwa zur Hälfte aus Zucker und aus pflanzlichen Inhaltsstoffen der Zuckerrübe. Mit dieser Zusammensetzung deckt Melasse zum einen den Bedarf der Hefezellen an Energie in Form von Kohlenhydraten. Zum anderen stellt sie auch elementare Nährstoffe wie Kalium, Calcium, Magnesium sowie wichtige Spurenelemente und Vitamine zur Verfügung. Kein anderes Nährmedium weist diese Nährstoffkombination auf, um eine optimale Zellaktivität der Hefe zu erreichen. Das macht Melasse zur wichtigsten Rohstoffquelle bei der Hefeherstellung. Zwar gibt es reichlich Versuche mit anderen Rohstoffen, darunter Maisstärke, keiner davon hat aber eine vergleichbar perfekte Symbiose ergeben wie Melasse.

Neben der Hefeindustrie protestieren auch andere Branchen gegen die Nutzung von Melasse für die Spritherstellung. Insgesamt zehn europäische Verbände haben sich zur Initiative „Molasses for Food“ zusammengeschlossen, was aus dem Englischen übersetzt „Melasse für Lebensmittel“ bedeutet. Engagiert sind unter anderem der Großbäcker-Verband International Association of Plant Bakeries (AIBI), der Verband der Schokoladen-, Keks und Süßwarenindustrie Europas (Caobisco), der Ausschuss der europäischen Zuckernutzer (CIUS) oder auch der Europäische Verband der Futtermittelhersteller FEFAC.

Die Nachfrage nach Melasse steigt

Die EU-Kommission forciert derzeit die Nutzung neuartiger Biokraftstoffe, weil der Anteil des bisherigen Biosprits bewusst gedeckelt wurde, um den daraus entstandenen Wettbewerb zwischen Lebensmittel- und Kraftstoffherstellern zu vermeiden. Dass es zu diesem Konflikt gekommen ist, ist jedoch durchaus überraschend, immerhin werden bei der Produktion vielfach Pflanzenteile verwendet, die man auch für die Ernährung nutzen könnte. Die Nachfrage der Biokraftstoffhersteller nach Melasse würde sich in Europa demnach deutlich erhöhen. Damit steigt aber ebenfalls die Abhängigkeit von Importen und das, obwohl Europa schon jetzt mehr als ein Drittel seines Bedarfs aus Nettoimporten bezieht. Welche Folgen die Abhängigkeit vom Ausland jedoch haben kann, ist in der Corona-Krise in etlichen Branchen deutlich geworden.

Deutschlands Hersteller von Backhefe brauchen nach Angaben des Industrieverbands rund 120.000 Tonnen Melasse pro Jahr. Erzeugt werden damit von insgesamt fünf Anbietern 130.000 Tonnen Hefe, was den Marktbedarf von etwa 100.000 Tonnen zwar übersteigt. Immerhin 70.000 Tonnen werden davon aber auch ins Ausland verkauft. Ungeachtet dessen unterstützt auch der europäische Brauerei-Verband Brewers of Europe die Brancheninitiative gegen Melasse im Tank. Eine finale Entscheidung der EU zu Anhang IX wird jedoch erst im Laufe des Jahres erwartet.

Sicherlich ist der Weg hin zu alternativen Rohstoffen im Bereich Biokraftstoff ein wichtiger Faktor, dennoch sollte genaustens geprüft werden, welche wirtschaftlichen Folgen der Einsatz von Melasse in diesem Zusammenhang für das Marktgeschehen und seine Teilnehmer bedeutet.